Zum Inhalt springen

Gangsta Kiez Neukölln

Oktober 17, 2010

Neukölln soll ja ein gefährliches Pflaster sein. Seit einem halben Jahr Wohnen in Neukölln hab ich davon nichts gemerkt, bis heute.

Zosch. Eine Gruppe von drei oder vor jungen Leuten rempelt mich auf dem Weg zum Halleschen Tor an. „Ey! Geht’s noch oder wie?“, ist meine Reaktion. Sie: „Alter: Ich fick deinen Vater!“ Und ich, der ich mich für schlagfertig halte: „Ey, ich fick deine Mutter!“

Ich hielt das bis dahin für einen wirklich guten Dialog. Es hat sich nahtlos ergänzt, so wie: „Wie geht’s dir?“ – „Mir geht’s gut!“. Also: „Ich fick deinen Vater.“ – „Ich fick deine Mutter!“ Wer in Neukölln wohnt, muss sich den ortsgebräuchlichen Dialogen anpassen. Wer in Neukölln wohnt, muss ein bisschen kontern können, der darf sich nichts gefallen lassen, der muss ganz Berliner Schnauze sein. Dachte ich.

Die Jungs finden das nicht so lustig. Sie laufen mir bis zur nächsten Ampel nach, versuchen mich zu umzingeln. Einer baut sich vor mir auf, er ist 1,70, ich bin 1,90 groß. „Ey! Hast du gesagt: Ich fick deine Mutter?“ Ich: „Nee, das würde ich nie sagen. Das war ein Missverständnis.“ Da boxt mir schon der erste Jugendliche gegen die Brust.

Nun muss man feststellen, dass es ja derzeit kalt und ungemütlich ist in Berlin. Ich trage also ein Shirt, darüber einen Pulli, ein Sakko und einen Mantel. Die Wirkung ist analog zu ner kugelsicheren Weste: Ich spüre nichts. Ich gucke also den Typen irritiert an: „Ähm. Kannst du das mal sein lassen?“

Er, darauf vertrauend dass ihm gleich seine Famliensippe zur Hilfe eilt: „Alter! Meinem Vater gehören alle Kneipen hier in der Strasse, der kommt gleich raus!“ Und da kommt auch schon Daddy. Meine Güte! Bin ich jetzt wirklich in ne Familien-Solidaritäts-Schlägerei geraten? Daddy, sehr muskelpepackt und durchtrainiert, fragt: „Was isn hier los?“ Sohnemann beschwert sich: „Der Typ hat gesagt, er fickt Mutti!“ Ich, etwas feige, zucke nur mit den Schultern: „Nee, hab ich nie gesagt, war ein Missverständnis…“ Und Daddy, gottseidank, weist seinen Sohn zurecht: „Nun lass doch den Mann in Ruhe, der hat das bestimmt nicht so gemeint.“

Das ist Neukölln. Hart, brutal, aber dialogbereit wenn es drauf ankommt.

Noch keine Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.