Links, linker, am linkesten

Beim Wahlgang-Termin am OSZ „Gesundheit II“ in Berlin-Marzahn fehlten die Kandidaten von CDU und FDP. Umso deutlicher traten die Unterschieden in linken Konzepten hervor.

Marzahn wählt links. Bei der letzten Bundestagswahl im Berliner Plattenbau-Bezirk kam die Linkspartei auf 34 Prozent der Stimmen, die SPD ebenfalls, und die Grünen konnten immerhin noch knapp über fünf Prozent aller Wähler für sich gewinnen. Offenbar haben die bürgerlichen Kräfte der CDU und FDP den Bezirk längst aufgegeben. So ist es jedenfalls zu erklären, dass bei der Veranstaltung der Wahlgang im Oberstufenzentrum „Gesundheit II“ nur Kandidaten der SPD, der Linken und der Grünen den rund 150 Schülerinnen und Schülern Rede und Antwort stehen.

„Schade, dass die FDP nicht da ist“, heißt es daher auch in jedem zweiten Publikumskommentar, oder: „Mit der CDU wäre so ne Diskussion bestimmt spaßiger“. Geradezu harmonisch verläuft die Diskussion zwischen Stefan Ziller von den Grünen, Rudolf Kujath von der SPD und Petra Pau von den Linken. Der Moderator, Schüler Matthias Ziwersch, lotst durch die Themenblöcke Finanzen und Mindestlohn, Klimaschutz und Harzt IV. In groben Zügen ist sich die Podiumsgäste meist einig, im Detail freilich scheiden sich dann die Geister. „Ich bin froh dass es die Pendlerpauschale gibt“, erklärt da beispielsweise Rudolf Kujath, sehr zum Erschrecken des grünen Kandidaten. „So können wir hier im grünen Bezirk Marzahn-Hellersdorf wohnen, und zum Arbeiten wo anders hinfahren.“

Hitzig wird die Diskussion vor allem beim Thema Mindestlohn. Die Schülerinnen und Schüler sind skeptisch. „Was ist denn mit Arbeitgebern, die das nicht zahlen können?“, will eine Schülerin wissen. „Da werden dann Leute entlassen. Ich bin der Meinung, dass das ein Teufelskreis ist.“ Rudolf Kujath hingegen findet, schon auf Grund der Menschenwürde müsse man einen Mindestlohn einführen. „Wenn Menschen mehr Geld verdienen, kurbelt das außerdem auch wieder die Wirtschaft an, weil sie mehr einkaufen können – und so entstehen Arbeitsplätze“, sagt der SPDler. Auf ein bedingungsloses Grundeinkommen, also ein Einkommen ohne Arbeit, will er sich allerdings nicht einlassen. Umso überzeugter ist Petra Pau von dem Konzept: „Wir müssen Hartz4 überwinden“, sagt die Linke. „Wer Hartz4 beantragt, muss 150 persönliche Fragen zu Daten beantworten, was persönlichen Status und Umfeld angeht. Ein Herr Ackermann würde in so einem Fall Hunderte Anwälte scharf machen.“ Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde Arbeitslose aus ihrer unterwürfigen Rolle befreien, findet die Direktkandidatin. Und dann hagelte es noch einen Seitenhieb der Grünen auf den Genossen der SPD: „Wenn man wie die SPD der Meinung ist, dass man 4 Mio neue Arbeitsplätze schaffen kann und Vollbeschäftigung möglich ist, dann braucht man so ein Grundeinkommen-Modell natürlich nicht“, keilte Stefan Ziller. „Wenn man da aber skeptisch ist, muss man sich vielleicht Gedanken machen, wie Gesellschaft anders organisiert werden kann.“ Für einen Augenblick scheint da ein Riss in der rot-rot-grünen Kuschelrunde zu entstehen. Denn wo CDU und FDP fehlen, wird für die Schülerinnen und Schüler des OSZ „Gesundheit II“ umso deutlicher, wo die Grenzen innerhalb der linken Lager verlaufen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.